Die fünf teuersten Energiefresser im Gewerbebetrieb – und wo das Geld wirklich liegt
- Martin Silbernagl
- vor 7 Tagen
- 4 Min. Lesezeit
Im letzten Beitrag ging es um die Frage, ob ein Energie-Check oder ein vollständiges Audit der richtige W
eg ist, um Energiekosten zu senken. Dort fielen fünf Bereiche, in denen in fast jedem Betrieb Geld liegt. Dieser Beitrag schaut sie sich einzeln an – mit Zahlen, Größenordnungen und einer ehrlichen Einordnung, was sie für Ihren Betrieb bedeuten.

Eine Sache vorweg: Alle folgenden Zahlen sind typische Spannen aus Studien und Praxisberichten. Sie zeigen, was möglich ist – nicht, was bei Ihnen herauskommt. Das verrät nur eine Messung. Genau deshalb sind diese fünf Punkte Ansatzpunkte für eine Analyse, keine Versprechen.
1. Druckluft – die teuerste Energieform, die niemand sieht
Druckluft gilt als die teuerste Energieform im Industriebetrieb. Der Grund: Nur ein Bruchteil der elektrischen Energie, die der Kompressor aufnimmt, landet als nutzbare Druckluft – der große Rest wird zu Abwärme. Und dann kommen die Leckagen dazu.
Das Tückische an Druckluftleckagen ist, dass sie unsichtbar sind und rund um die Uhr laufen – auch wenn keine Maschine arbeitet. In vielen Netzen liegt die Leckrate über 20 Prozent; in Industrieanlagen gehen je nach Quelle 20 bis 35 Prozent der Druckluftenergie durch Undichtigkeiten verloren.
In Euro wird es greifbar: Eine einzige Leckage von 1 mm Durchmesser bei 7 bar verursacht rund 300 bis 400 Euro Stromkosten pro Jahr. Ein Betrieb hat selten eine Leckage – eher Dutzende. Multipliziert ergibt das schnell einen vier- bis fünfstelligen Betrag, der jedes Jahr unbemerkt abfließt.
Der Hebel: Leckage-Ortung (z. B. mit Ultraschall), Reparatur, sinnvolle Druckabsenkung und Drehzahlregelung. Das sind oft Maßnahmen mit kurzer Amortisation, weil die Einsparung dauerhaft anfällt.
2. Wärme und Kälte – Energie, die zum Fenster hinausgeht
In vielen Betrieben entsteht Wärme als Nebenprodukt – aus Prozessen, aus Druckluftkompressoren, aus Maschinen, aus der Abluft. Meistens geht sie ungenutzt verloren. Dabei lässt sie sich auffangen und ein zweites Mal verwenden.
Die Größenordnungen: Eine Wärmerückgewinnung aus beheizter Gebäudeluft bringt typischerweise 20 bis 30 Prozent Heizkostenersparnis. Bei einer ganzheitlichen Optimierung der Wärme- und Kälteversorgung sind je nach Betrieb 30 bis 50 Prozent möglich. Ein Wärmetauscher kann einen erheblichen Teil der sonst verlorenen Abwärme zurückführen – für Heizung, Warmwasser oder Prozesswärme.
Der Punkt ist nicht ein einzelnes Gerät, sondern das Zusammenspiel: Welche Wärme fällt wo an, welches Temperaturniveau hat sie, und wo wird gleichzeitig Wärme gebraucht? Genau diese Verknüpfung ist meist der eigentliche Hebel – und sie wird selten von allein sichtbar.
Der Hebel: Abwärmequellen erfassen, Temperaturniveaus prüfen, Wärmerückgewinnung dort einsetzen, wo Bedarf und Anfall zusammenpassen. Bei Kälte- und Klimaanlagen liegen die Potenziale ähnlich.
3. Die Grundlast – was läuft, wenn niemand da ist
Das ist der Bereich, der die meisten überrascht. Die Grundlast ist der Stromverbrauch, der rund um die Uhr anfällt – auch nachts, am Wochenende, im Betriebsurlaub. Pumpen, Lüfter, Steuerungen, Netzteile, Maschinen im Leerlauf, vergessene Geräte.
Wie groß das werden kann, zeigt ein Praxisbeispiel aus einer Betriebsbegehung: ein im Lager vergessenes elektrisches Heizgerät mit 2 kW Leistung. Läuft es unbemerkt durch, ergibt das über 17.000 kWh im Jahr – ein klar vierstelliger Betrag, für nichts. Im Extremfall kann die unbemerkte Grundlast bis zur Hälfte des Jahresstromverbrauchs ausmachen, wenn viele kleine Dauerverbraucher zusammenkommen.
Das ist die unangenehme Wahrheit hinter der Frage aus dem letzten Beitrag – „Was verbraucht Ihr Betrieb nachts um drei?". Wer die Antwort nicht kennt, bezahlt sie trotzdem, jeden Tag.
Der Hebel: Den Nachtverbrauch messen, Dauerverbraucher identifizieren, Abschaltungen automatisieren. Das kostet oft fast nichts und wirkt sofort – hier liegen die echten Quick Wins.
4. Beleuchtung – ein Klassiker, aber mit Augenmaß
Beleuchtung ist das bekannteste Effizienzthema – und je nach Betrieb berechtigt oder überschätzt. Deshalb hier bewusst differenziert:
Über alle Sektoren entfallen rund 13 Prozent des deutschen Stromverbrauchs auf Beleuchtung, davon der Großteil auf den professionellen Bereich. Die Einsparpotenziale durch LED plus Lichtmanagement sind beachtlich: bis zu 70 Prozent laut dena, in Innenräumen mit professioneller Lichtplanung sogar bis 85 Prozent.
Aber: In der Industrie macht Beleuchtung im Schnitt nur etwa 4,5 Prozent des Stromverbrauchs aus – dort dominieren Antriebe, Druckluft und Wärme. In Handel, Gewerbe und Dienstleistung (Büros, Verkaufsflächen, Lager) ist der Anteil deutlich höher und der Hebel entsprechend größer.
Heißt für Sie: Beleuchtung lohnt sich fast immer, aber wie stark, hängt von Ihrer Branche ab. In einer Lagerhalle oder einem Verkaufsraum ist es ein großer Hebel, in einer energieintensiven Produktion ein kleinerer. Ehrliche Priorisierung gehört dazu.
Der Hebel: LED-Umrüstung kombiniert mit Lichtmanagement (Präsenz- und Tageslichtsteuerung). Für eine geförderte Umrüstung muss meist eine Mindesteinsparung von 30 Prozent nachgewiesen werden – was mit moderner LED-Technik in der Praxis fast immer erreicht wird.
5. Lastspitzen – die teuerste Viertelstunde des Jahres
Dieser Punkt betrifft nicht jeden, aber wen er betrifft, den trifft er hart. Wenn Ihr Betrieb einen RLM-Zähler hat – üblich ab etwa 100.000 kWh Jahresverbrauch –, zahlen Sie nicht nur den Arbeitspreis pro Kilowattstunde, sondern zusätzlich einen Leistungspreis. Und der bemisst sich an der höchsten Viertelstunde des Jahres.
Das ist der entscheidende Mechanismus: Eine einzige 15-minütige Lastspitze – etwa wenn morgens mehrere Maschinen gleichzeitig anlaufen – bestimmt den Leistungspreis für die nächsten zwölf Monate. Je nach Netzgebiet liegt der Leistungspreis grob zwischen 80 und 167 Euro pro Kilowatt und Jahr.
Ein Rechenbeispiel aus der Praxis: Ein Betrieb mit 60 kW Grundlast, der durch gleichzeitiges Anlaufen kurz auf 180 kW springt, zahlt den Leistungspreis auf 180 kW – obwohl er die Spitze nur eine Viertelstunde braucht. Wird sie auf 90 kW gekappt, halbieren sich diese Kosten. Bei den genannten Leistungspreisen reden wir über fünfstellige Beträge pro Jahr.
Der Hebel: Lastmanagement – Verbraucher zeitlich entzerren, Anläufe staffeln, Spitzen über Steuerung oder Speicher kappen. Voraussetzung ist, dass man die Lastspitzen überhaupt erst sieht. Genau dafür braucht es die 15-Minuten-Lastgangdaten und deren Auswertung.
Was diese fünf Punkte gemeinsam haben
Vier der fünf Energiefresser sind unsichtbar. Druckluftleckagen hört man nicht im Tagesgeschäft, die Grundlast läuft nachts, verlorene Abwärme entweicht leise, und die teure Viertelstunde steht nur in den Lastgangdaten. Nur die Beleuchtung sieht man – und gerade die ist je nach Branche der kleinere Hebel.
Das ist der eigentliche Punkt: Energie sparen heißt zuerst sehen, wo sie verloren geht. Und das lässt sich nicht schätzen, sondern nur messen. Ob ein gezielter Energie-Check für einen einzelnen Bereich genügt oder ein vollständiges Energieaudit nach DIN EN 16247 sinnvoll ist, hängt von Ihrem Betrieb ab – darum ging es im letzten Beitrag.
Wenn Sie wissen wollen, welcher dieser fünf Bereiche bei Ihnen am meisten kostet: Genau das finde ich heraus.
Quellen u. a.: Umweltbundesamt, dena, licht.de / AG Energiebilanzen, Fraunhofer ISI / IREES, Atlas Copco, sowie Praxis- und Beratungsberichte. Die genannten Werte sind typische Spannen und ersetzen keine individuelle Messung. Stand: Juni 2026.


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